Es gibt Tage, da würde ich am liebsten nicht aufstehen. Weil jede Bewegung, jeder Gedanke, jedes Geräusch weh macht. Manchmal habe ich das Gefühl es zerreisst mich. Und dass es nie aufhören wird weh zu tun. Aber ich darf nicht daran zerbrechen. Das hat er nicht verdient. Ich werde nie verstehen, wie man so etwas tun kann. Wie man sich innerhalb einiger Wochen - eigentlich innerhalb weniger Tage - so verändern kann. Am Donnerstag schrieb er mir noch, wie sehr er mich liebe und blabla. Und einige Tage später passierte das, bei dem mir jetzt noch schlecht wird, wenn ich nur daran denke. Ich verstehe nicht, wie man so durchdrehen und mehr als zwei Jahre einfach so wegwerfen kann. Er wolle nicht mehr heimkommen. Er vermisse gar nichts. Es interessiere ihn überhaupt nicht, was zu Hause läuft. Er fühle sich zum ersten Mal in seinem Leben frei. Und jetzt hüpft er wohl durch die Betten, hat sich ein Tattoo stechen lassen - obwohl er vorher noch meinte er würde sich das gut überlegen, trinkt viel zu viel und schläft viel zu wenig. Niemand versteht ihn. Und ich weiss, dass er es schafft, nicht an mich zu denken. Ich muss aber daran glauben, dass ich ihn wirklich gekannt habe und dass er das alles nur tut, um das zu verdrängen, was er getan hat. Weil er über sein eigenes Verhalten erschrocken ist. Weil er mir gesagt hatte, dass er sich so etwas nie verzeihen könnte. Und sowieso und überhaupt: Dass er das nie tun würde. Ich wünsche ihm sehr, dass er Anfang August hier wieder in der Realität ankommen wird und realisiert, was er da getan hat. Aber vielleicht ist er sogar dafür zu unreflektiert. Womöglich hat er auch das Gefühl, sich jetzt "ausleben" zu können und dann heim und zurück zu mir zu kommen. Weil vielleicht habe ich zu viel getan für ihn.
Aber ich weiss, dass ich etwas anderes verdient habe. Ich will jemanden, der am Boden bleibt. Jemanden, den ich nicht dauernd belehren muss. Jemand, der über sein eigenes Verhalten nachdenken kann, ohne dass man ihn dauernd darauf hinweisen muss. Ich bin mir sicher, dass es gut ist, wie ich damit umgehe. Ich weine manchmal, schreie, bekomme kaum mehr Luft vor Schmerz, habe Angst, vermisse und verzweifle. Ich fühle mich manchmal stark, wertvoll, schön, befreit und manchmal bin ich davon überzeugt, dass es irgendwann vorbei geht und dass ich irgendwann an ihn denken kann, ohne diesen furchtbaren Druck auf den Brustkorb, der mir momentan so oft die Luft abschnürt. Und ich sage mir nicht, dass er all diese Tränen nicht verdient hat, weil ich es für mich mache und weil ich das brauche, um mit mir ins Reine zu kommen. Etwas, was er vielleicht nie schaffen wird.
Ben Howard - Keep your Head up
I'm walkin' back down this mountain
With the strength of a turnin' tide
Oh the wind's so soft on my skin,
The sun so hard upon my side.
Oh lookin' out at this happiness,
I search for between the sheets.
Oh feelin' blind and realize,
All I was searchin' for was me.